22. Januar 2018 – Sightseeing in Bikaner
Also jetzt kommt aber wirklich Urlaubsstimmung auf, aufwachen ohne Wecker und Sightseeing erst um zehn und T- Shirt-Temperaturen. Während Achim schon im Kurzarmhemd aus dem Palast geht, hab ich noch diverse Schichten an mir, aus denen ich mich erst nach und nach schäle. Neuer Tag, neuer Führer, den Namen haben wir leider beide schon wieder vergessen.
Zusammen mit ihm und Satnam machen wir uns auf, das grosse Junagarh Fort in der Stadtmitte zu besichtigen. Das riesige, aus rotem Sandstein gebaute Fort ist vollständig von einer Mauer umgeben. Früher befanden sich in dem Wassergraben der das Fort umschliesst, Krokodile …. da traute sich keiner rein. Der Bau wurde 1478 begonnen, bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden immer wieder Anbauten durchgeführt. Das Fort wurde vom Maharaja von Bikaner zusammen mit seinem Hofstaat bewohnt, bis zum Bau eines neuen Palasts ausserhalb von Bikaner (unser Hotel), in den die königliche Familie 1902 umzog. Über eine pferdegerechte Rampe betritt man die Eingangshalle und fängt an zu Staunen, überall schönste Bemalungen, goldene Verzierungen der Säulen, edle Teppiche, tolle Türen aus Holz mit aufwendigenn Schnitzereien oder ganz aus Silber bestehende Türen, … Wegen der intensiven Handelsbeziehungen zwischen Indien und Europa wurden auf dem Rückweg von den Karawanen Marmor aus Carrara, Kacheln aus Delft, Lampen aus venezianischem Muranoglas und italienische Fliesen nach Bikaner gebracht.

Von den vergitterten Fenstern aus, konnten die Frauen die Geschehnisse auf dem Platz beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Alle Frauen im Harem hatten ein eigenes Zimmer, aus dem sie auf den Platz schauen konnte.

Der blaue Raum wird Regenzimmer genannt. Dorthin hat sich der Maharaja zurückgezogen, wenn er während der grossen Hitze im Sommer (es wird hier 40-50 °C) mal den Eindruck von Regen haben wollte.
Die Schiene aus Messing, die links an der Wand zu sehen ist, hat eine Schlitz aus dem man einen kleinen Wasserfall fliessen lassen kann. Das Wasser plätschert dann auf den Boden. Von aussen haben Diener einen Fächer bedient, der das Wasser zum verdunsten brachte. So konnte man in dem Raum im Sommer einen Regentag erzeugen. Krasse Idee.




Die Schlafgemächer waren auch ziemlich interessant. Die Schlafzimmer lagen nebeneinander, nur getrennt durch drei Fensterläden, die von Seiten der Maharani geschlossen werden konnten, nämlich dann, wenn ihr Mann eine oder mehrere seiner Konkubinen beglückte…..😬😳, da hätte ich auch nicht gerne zugeschaut…ob sie wohl auch Ohrstöpsel hatte??? Vielleicht war sie ja auch froh über freie Abende?? Beide Betten waren extrem schmal (ich vermute, sie haben nicht oft nebeneinander die Nacht verbracht) und niedrig, damit sich niemand unter dem Bett verstecken konnte. Außerdem gab es vier Ringe an der Decke, damit man das Bett auch aufhängen und schaukelnd ins Land der Träume driften konnte.


Nach dieser eindrücklichen Besichtigung fuhren wir mit einem tuktuk in die Altstadt von Bikaner. Wir waren ja gestern schon da, aber eher im neueren Teil. In der Altstadt war nicht ganz so viel Verkehr und die Gassen waren nicht so weit und wir waren mit Begleitung. Es gab einige Havelis, die zwar nicht mehr genutzt, aber als Baudenkmale erhalten werden.

Farbpuder für das Holi Fest



Während Achim mal wieder einen ATM schröpft, sehe ich, dass auch ein Tuktuk gewaschen und gepflegt sein will.

Mir wurde auch ein Briefkasten gezeigt, wo ich meine Postkarten nach Deutschland deponieren konnte……wie ihr seht, ein total vertrauenswürdiger Anblick, ich bin jetzt überzeugt, dass sie in kürzester Zeit ihren Bestimmungsort erreichen werden.

Wir lernen wieder neue Gewürze und Obstsorten kennen. Eine kleine grüne Frucht, die aussieht wie eine unreife Mirabelle und schlicht berry heisst, dürfen wir probieren…..naja, die Zunge wird einem etwas pelzig und der Verkäufer meint, sie sei doch sehr süß….wir überlassen den Großteil den umherziehenden Kühen, sie ist nicht so unser Geschmack.
@ Inge: wir fragen, ob wir irgendwo so einen schönen Türknauf bekommen können, wie wir ihn in Alsisar gesehen haben, aber wir haben keine Chance. Bikaner ist eher auf Produkte aus Kamelhaar und Kamelmilch spezialisiert, aber vielleicht haben wir woanders noch Glück, ich versuch weiter, welche zu finden.
Gleich neben dem Briefkasten befindet sich der Bhanda Shaha Jain-Tempel, der einzige Jain-Tempel Indiens, der innen bemalt ist. Jain’s, immerhin 4% der indischen Bevölkerung, sind strenge Vegetarier und haben sogar eine Binde vor Mund und Nase, um nicht versehentlich eine Fliege zu schlucken. Sie sind als sehr geschickte Kaufleute bekannt und haben weltweit grosse Reichtümer angesammelt.


Aus der Wüste werden Erdnüsse in riesigen Säcken angekarrt, mal per Traktor, mal per Kamelwagen.

Noch ein Nilgau-Hengst, der einfach neben der Strasse stand. Uns wurde erzählt, das Nilgau’s locker über eine 2 m hohe Mauer springen können.

Nach einer kleinen Siesta im Hotel fahren wir am Nachmittag zu einer Kamelaufzuchtstation, genauer zum „National Research Centre on Camel“. Etwas außerhalb von Bikaner in der Wüste forschen sie über alles, was mit Kamelen zu tun hat. Der Führer meint, wir sollten gegen 15 Uhr dort sein, denn dann kämen die Kamele aus der Wüste zurück, um zu fressen und die Nacht im Camp zu verbringen. Genauso war es dann auch. Im Kamelgalopp tauchten sie am Horizont auf und marschierten zielstrebig Richtung Futterplatz, sie nahmen überhaupt keine Notiz von uns. Gleich nebenan in einem Stall stand ein Kamelbulle und blubberte aufgeregt den vorbeiziehenden Frauen zu. Man konnte ihm seine Enttäuschung klar anmerken, dass er keine Chance auf ein Techtelmechtel hatte und der Führer meinte, im Januar-März wären die Bullen richtig aggressiv, weil sie voll in der Brunftzeit wären. Nur die besten Bullen werden dort für die Zucht gehalten. Ein schwangeres Kamel trägt 15 Monate, hat nur ein Junges und gibt etwa 7l Milch pro Tag.
Wir konnten Muttertiere mit 3-4 Tag alten Kälbern sehen, Jungtiere, die auf ihre Mütter warten, die zuerst gemolken werden und dann bekommen die Jungen den Rest. Die grünen, bohnenähnliche Schoten, die von den Bäumen gefallen waren, mögen sie ziemlich gerne und so war ich fleissig am sammeln und füttern. Sie haben sooooo lange, schöne Wimpern…..alle Frauen wären neidisch😎. Auch kranke Tiere standen in einem Areal, sie werden medizinisch versorgt, bis sie wieder gesund sind oder eben nicht.
Die Station dient nicht nur zur Zucht, sondern auch zur Forschung. In einem kleinen Museum konnten wir sehen, was alles vom Kamel verarbeitet wird. Wolle, Milch, Haut, Knochen… es wird völlig verwertet. Der Markt mit Milchprodukten expandiert, bald liefert diese Station auch ins Ausland. Kamelknochen werden in vielen Ländern als Ersatz für Elfenbein verarbeitet, man sieht keinen Unterschied.




Natürlich mussten wir am Schluss auch Kamelmilch trinken und Achim testete ein Kamelmilch Eis, mit Safran und Pistazien. Schmeckte beides gut, die Milch schmeckt leicht salzig, ist ansonsten eher geschmacksneutral.

Als krönender Abschluss dieses nachmittags wurden wir doch noch in einen Shop gelotst. Keine Chance dem angebotenen Tee und der Darbietung sämtlicher Tücher und Schals zu entkommen.
Ich muss ehrlich sagen, dass sie sehr schöne Sachen hatten, auch die Qualität war super, aber mal kurz fast nen Hunni hinzulegen für nen Teppich oder nen Schal, das war mir einfach zu viel. Zumal ich ja kaum Schals besitze😎. Ich hatte mir dann doch ein großes, weißes Tuch mit Inletarbeit ausgesucht (es hätte 25€ gekostet), für die viele Arbeit echt seinen Preis wert, aber es hatte einen großen Fehler und der Verkäufer war nicht gewillt, es für weniger herzugeben, also verliessen wir den Verkaufsraum mit unglaublich nix gekauft!! Es ist für uns beide immer wieder schwierig, mit so einer Situation klar zu kommen, aber wir haben soooo viel Zeug zu hause UND wir haben noch drei Wochen vor uns UND wir haben keinen Platz im Koffer!!
Kurz vor unserem Hotel rüsteten sich noch Kamele und Männer für eine bevorstehende Hochzeit und da musste ich natürlich aussteigen. Kaum dass ich die schön geschmückten Kamele fotografiert hatte, standen schon mehrere Männer für Selfies Schlange. Danach hab ich mich natürlich revanchiert und sämtliche Musikanten standen für ein Foto zur Verfügung.


Abends beschließen wir, nicht im Hotel zu essen, sondern in ein Restaurant ein Stück die Strasse runter. Wir sind kaum 10 m gegangen, da kommt schon ein Tuktuk und möchte uns einladen. Aber die hundert Meter können wir echt alleine gehen. Schon von weitem sehen wir die wahnsinns Aufbauten für die Hochzeitszeremonie und dürfen auch reingehen und fotografieren. Weil das alles noch sehr lange dauern wird, gehen wir derweil ins Restaurant. Wir sind die einzigen Gäste und werden super bekocht. Es schmeckt echt lecker. Von der Dachterrasse aus können wir sehen, wenn sich etwas auf der Straße tut und dürfen sogar noch durch die Küche in den anderen Teil gehen, von wo aus man alles überblicken kann. Aber es dauert ewig, bis wenigstens mal der Bräutigam auf dem Festgelände ist, von der Braut war noch immer nichts zu sehen und keiner der Gäste machte Anstalten, sich auf die vorbereiteten Stühle zu begeben. Da haben wir aufgegeben und sind zum Hotel zurück. Ich möchte nicht wissen, was so eine Hochzeit kostet, ausser viel Geduld für Braut und Bräutigam.


