Fahrt nach Kanha

Die Fahrt nach Kanha begann um 8.30 Uhr, da wir wieder 270 km zurücklegen mussten. Wir fuhren ein Stück durch den Nationalpark, im ganzen Bereich herrscht eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 20 km/h. Unser Fahrer Mantri erzählt, dass ein Fahrer, der eines der Wildtiere überfährt, mit lebenslanger Haft bestraft wird. Drakonische Strafen, aber keiner fährt in diesem Bereich wirklich langsam, nicht mal die Safari-Jeeps. Mantri meint, dass man in Indien nur zu bezahlen braucht, dann würde auch eine lebenslange Haftstrafe auf wenige Jahre reduziert. Wer reich ist, würde nie inhaftiert.

Wir fahren wieder durch sehr ländliche Gegenden, mal grün, mal total trocken. Wir nähern uns dem Frühlingsbeginn. In Indien werfen die Bäume jetzt erst die Blätter ab, daher sieht der Wald jetzt so verdorrt aus. Gleichzeitig werden die Samen der Bäume jetzt abgeworfen, damit sie beim nächsten Regen keimen können. Der Monsun kommt hier von Mai bis Juli und dann ergrünt die Landschaft. Allerdings wird es dann auch brühtend heiss. Hier gibt es sehr wenig Verkehr, nur Busse, LKWs, Ochsenkarren, Fahrräder und Mopeds.

Wir fahren durch eine bergige Landschaft, die ähnlich aussieht wie in Deutschland, wären da nicht die Dörfer, in denen die Menschen unter ärmlichen Verhältnissen leben. Die Strasse ist plötzlich nagelneu, Mittelstreifen, weisse Begrenzungslinien am Fahrbahnrand und sogar Verkehrszeichen und nagelneue Bushaltestellen. Wir sind platt, so eine Strasse hätten wir hier nicht erwartet. Leider holen uns die indischen Verhältnisse schnell wieder ein. Der Belag der Strasse auf ganzer Breite einfach weggerissen und die Autos brausen jetzt über diesen steinigen Untergrund mit riesigen Schlaglöchern und es staubt ohne Ende. Einige Bäume wurden stehengelassen, aber ringsherum sind 2-3 m abgegraben, ungewöhnlicher Anblick.

Unterwegs wir Mantri plötzlich gesprächig. Erkundigt sich über Deutschland, hat keine Ahnung wo das überhaupt ist und wie es dort aussehen könnte. Er war 8 Jahre auf der Schule und hatte 2 Jahre Englischunterricht. Das reicht natürlich nicht für etwas tiefergehende Erklärungen. Er, seine Frau mit den 2 Kindern wohnen in einem Haus mit 4 Zimmern, die sie sich mit seinen 3 Brüdern, zwei davon sind Fahrer und der dritte ist Koch im Hotel Ramada in Khajuraho und seiner Mutter teilen. Sein Vater arbeitet in Chennai (Südindien, 3 Tage Fahrt mit dem Zug). Er kommt einmal im Jahr auf Urlaub für einen Monat zurück. Mantri erzählt, dass die Kinder kostenlos zur staatlichen Schule gehen, Kleidung und Bücher bezahlt der Staat. Sie bekommen das Mittagessen gratis und wenn sie mehrmals 5 km von der Schule entfernt wohnen, gibt es für jedes Kind ein Fahrrad dazu. Das erklärt, warum hier alle Kinder in Schuluniform auf Fahrrädern unterwegs sind. Der indische Staat unterstützt auch die Armen, die besonders günstig Lebensmittel erwerben können, sie bezahlen z.B. nur 1 Rupie (1 Cent) für ein Kilo Mehl und 20 Rupien (25 Cents) für 1 kg Zucker.

Gegen Ende fährt Mantri wie der Henker, ohne Rücksicht auf sein Auto. Am Morgen hat er uns eröffnet, dass er uns heute verlassen muss und zurück nach Khajuraho fährt. Er muss Morgen mittag wieder dort sein. So fährt er direkt wieder los, 600 km Landstrasse liegen vor ihm. Er will heute noch bis um 22 Uhr fahren, dann bis 4 Uhr morgens schlafen (im Auto natürlich). Nur so kann er es schaffen, rechtzeitig wieder da zu sein. Armer Kerl, er ist dann fast 18 Stunden ununterbrochen gefahren. Er bekommt natürlich ein ordentliches Trinkgeld, dass wahrscheinlich sein Gehalt für die 5 Tage Fahrt weit übersteigt. Hat er sich verdient.

Das Hotel Tuli Tiger Resort, das wir anfahren, liegt 400 m abseits der Landstrasse an einem kleinen Teich. Sehr schöne Anlage mit riesigem “Tigerbambus” und grossen Bäumen. Im afrikanischen Safari-Stil mit Holzmöbeln eingerichtet. Auf dem Gelände frisst sich eine Herde von Hanuman-Languren satt. Gleich nebenan ist ein ausgetrocknetes Flussbett mit schönen Steinen.

Neben dem Restaurant entdeckt Karin einige Fotoobjekte, eine 3-4 cm grosse Spinne, die gerade ihren Fang verzehrt und eine Wespe auf einer Tagetes-Blüte.

Hier noch ein Ausschnitt aus diesem Bild, der ihre Augen zeigt.

Ein paar Wasserläufer, die auf ihrem Schatten laufen …

Wir machen mit dem ortskundigen “Biologen” einen Spaziergang durch das Flussbett auf der Suche nach Vögeln. Gleich am Anfang erklärt er uns, dass hier öfters Tiger, Leoparden und alle anderen Tiere aus dem Dschungel vorkommen würden. Wenn ein Tiger käme, was momentan sehr unwahrscheinlich sei, sollen wir uns ruhig verhalten, stehenbleiben und auf keinen Fall weglaufen. Wir sehen leider nicht sehr viele Tiere, aber der Spaziergang lohnte sich schon wegen der Landschaft und dem Nervenkitzel.

Der weisse Baum wird Geisterbaum genannt, er wechselt die Farbe seiner Rinde mehrfach im Jahr.

Im Sand des Flussbetts wachsen lustige Gewächse ….

Nach 1.5 Stunden kommen wir etwas verschwitzt wieder zurück, trinken erst mal ein Bier und schreiben den heutigen Blog-Beitrag. Soweit wir sehen, sind wir die einzigen Europäer im Resort. Während wir so sitzen, landet doch tatsächlich ein Reiher an der Spitze dieses Bambus und der verbiegt sich nicht mal. Abends brennt ein Lagerfeuer vor dem Restaurant, gemütliche Einstimmung aufs Essen und Ausklang eines Tages, der nicht so viele Highlights hatte.

Das Restaurant …und eine Feuerstelle, leider nicht zum Essen, nur zum vorwärmen

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