Varanasi – Sonnenaufgang an den Ghats

Morgens um 6 Uhr fahren wir mit unserem Guide Herrn Munindra Tripathi zu den Ghats. Es ist noch dunkel, aber viele Leute sind schon auf der Strasse. Vollkommen andere Stimmung als am Tag. Wir gehen durch die Altstadt, die ersten Pilger sind vor und hinter uns, singen und beten. Varanasi, heisst auch Benares, hat inzwischen 4 Millionen Einwohner und entsprechend chaotisch ist der Verkehr. Es ist eine der ältesten Städte Indiens und für Hindus ist es die heiligste Stadt überhaupt. In dem grossen Wok wird übrigens für die Pilger und Armen gekocht, sie bekommen die Mahlzeit umsonst.

Die Ghats sind die Treppen, die entlang des Flusses Ganges gebaut sind, damit sich die Pilger waschen und im Fluss baden können. Nach Varanasi kommt man nicht zum leben, sondern um zu sterben oder um hier eingeäschert zu werden. Wer hier stirbt und hier verbrannt wird, schert aus dem ständigen Kreislauf der Wiedergeburt aus. Wer in Varanasi im Ganges badet wird von seinen Sünden gereinigt. Die Ghats sind noch recht wenig bevölkert, dafür sind viele der Boote, die vor den Ghats liegen, schon mit Touristen unterwegs. Am Ufer findet frühmorgens schon eine kleine Zeremonie statt.

Wir besteigen ein kleines Paddelboot und lassen uns den Ganges flussabwärts fahren. Trotz des kalten Wassers baden schon einige Leute.

Wir erreichen eine der beiden Einäscherungsstellen in Varanasi. Es brennen bereits 2 Feuer. Vom Boot aus sei das Fotografieren kein Problem, erklärt unser Guide.

Es herrscht leichter Nebel, die Woche zuvor war der Nebel wohl so dicht, dass man das Ufer nicht mehr gesehen hat, Glück gehabt. Grosse Schwärme von Möven sitzen auf dem Wasser, fliegen los, wenn jemand Futter ins Wasser wirft.

Langsam fahren wir dem Ufer entlang, das von Palästen und von Häusern reicher Inder gesäumt wird.

Ein paar flache Steine am Ufer sind die “Waschmaschinen” der Wäscher. Jeder Wäscher hat seine eigenen Steine und darf auch nur diese verwenden. Die Wäsche wird mehrfach auf die Steine geklopft, ausgewaschen und zum Trocknen auf die Treppen am Ganges gelegt.

An den Ghats verkaufen Frauen Schälchen mit Blumen und ein wenig Wachs mit Docht in der Mitte. Mit Genesungswünschen für all die momentan “Kranken” zu Hause lassen wir zwei Schälchen zu Wasser. Hoffentlich hilft es.

Wir fahren flussaufwärts, die Sonne geht langsam auf,  verlassen das Boot an der zweiten Verbrennungsstelle, gehen durch enge Gässchen, Füsse von Schlafenden ragen aus dunklen Löchern, Kühe glotzen aus engen Häusern.

An den Verbrennungsstellen sieht es gar nicht heilig aus, Kühe und Ziegen fressen den Blumenschmuck, Männer räumen die Decken weg, suchen vielleicht nach Zahngold in der Asche, …

Wir kommen zu einem Shiva-Tempel (Kashi-Vishvanath-Tempel), dessen Kuppel aus reinem Gold besteht. Hier herrschen strengste Sicherheitsvorkehrungen, überall Soldaten mit Maschinengewehren, doppelte Personenkontrolle für diejenigen, die nur das Gässchen zum Tempel betreten wollen, keine Fotos. Man muss alles abgeben, darf nur den Pass mitnehmen, wenn man sich nähern möchte, in den Tempel rein dürfen nur Hindus. Wir deponieren all unsere Habseligkeiten in einem Shop nebenan, unser Guide passt darauf auf, der Shopbesitzer schleusst uns ganz vorne an der Schlange der Wartenden ein, niemand murrt. Er erklärt uns, dass dieser Tempel 1839 auf einer ehemaligen Moschee errichtet wurde und dass seither die Muslime diesen Tempel zerstören wollen. Der Maharaja von Punjab hat damals 1 Tonne Gold gespendet, um einen der Türme zu vergolden. Der Konflikt schwelt bis heute und man hat Angst vor einem Attentat islamischer Terroristen, daher die strengen Kontrollen. Irgendwie sind wir froh, dass wir da wieder heil rauskommen, konnten auch nur einen kurzen Blick auf die goldene Kuppel werfen und hätten uns denken können, dass der Service des Shops nicht ohne Folgen bleibt. Zurück im Shop “muss” Karin, nicht ungern, noch 2 Schals einkaufen, um die Vorzugsbehandlung zu kompensieren. Jetzt geht es zurück zum Hotel, das Frühstück wartet.

Danach fahren wir nach Sarnath, einem der heiligsten Orte der Buddhisten, da Buddha dort seine erste Predikt gehalten hat, nachdem er in Bodhgaya (Bihar) seine Erleuchtung gefunden hat. Buddha gilt dem Glauben mancher Hindus als 9. Inkarnation von Vishnu (bezweifeln die Buddhisten natürlich stark). König Ashoka (lebte 300 Jahre vor Christus) machte später aus Sarnath einen buddhistischen Wallfahrtsort und ließ dort und in seinem ganzen Reich jede Menge Stupas und Klöster errichten. Sarnath liegt nur 10 km ausserhalb, ist aber inzwischen ein Teil von Varanasi. Der heilige Ort ist ein Gebiet, das über 100 Stupas enthält, von denen aber nur noch die Grundmauern stehen. Eine über 30 m hohe Stupa überragt alles. Rings herum wandern buddhistische Mönche aus allen möglichen Ländern, fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys und benehmen sich überhaupt sehr weltlich, tragen z.B. Designer-Brillengestelle. Das angeschlossene Museem enthält die Ausgrabungen,die 1909 von den Engländern gefunden wurden. Tolle Zeugnisse vergangener Zeiten.

Wasser für die Pilger …

Im Hinterrund werden Fotos für ein Brautpaar gemacht, ein Mönch schaut zu und Karin wandelt durch den Park.

Als wir zurückkommen ist die Strasse zum Hotel gesperrt, doch wir können zu Fuss zum Hotel gehen. Direkt neben unserem Hotel ist nämlich eine politische Kundgebung, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei (Samajwadi Party) Akhilesh Yadav spricht zu der Menge, nächstes Jahr ist Wahl und man muss sich rechtzeitig um seine Wähler bemühen. Es sind Tausende da, alle mit kleinen Fähnchen versorgt und lauschen den aufreisserischen Worten und bejubeln seine Rede. Von der Dachterrasse unseres Hotels, auf der wir eine Cola trinken, hat man einen guten Blick auf die Versammlung.

Nachmittags um 16 Uhr werden wir wieder abgeholt und fahren zu einem ungewöhnlichen Tempel “Mother of India” (Bharat Mata Mandir). Wir ziehen die Schuhe aus und haben keine Ahnung was uns erwartet. Mahatma Gandhi hat diesen Tempel 1936 eingeweiht und in ihm befindet sich eine topologische Darstellung des Subkontinents Indien. Alles von Hand aus Marmor herausgemeiselt. Alle Berge des Himalaya, Flüsse, jedes Gebirge – alles masstabsgerecht. Eine wahnsinns Arbeit, die den Patriotismus der Inder demonstriert. Die Karte wurde erstellt, bevor sich Pakistan von Indien abgetrennt hat.

Weiter geht es zum Shri Durga Tempel, früher bekannt als Affentempel. Die Affen sind lange fort, die Menschen kommen immer noch. Er wurde im 18. Jahrhundert gebaut ist, der Gottheit Durga gewidmet. Auch nicht-Hindus dürfen ihn besichtigen, aber Fotografieren im Tempel nicht erlaubt. Ich bleibe an einem Feuer stehen, an dem gerade fünf Hindu’s mit grossem Gesang eine Kokosnuss opfern. Eine Minute zu lang gestanden, ein langmähniger bärtiger Brahmane hat mich sofort erwischt, mir mit roter Farbe einen Punkt auf die Stirn gedrückt und die Hand aufgehalten, segnen ist nie kostenlos. Ich lache in mich hinein, wieder einmal erwischt worden, aber 10 Rupien war mir das wert. Ich gehe um das zentrale Gebäude herum. Dahinter sitzt ein Brahmane auf einer Schubkarre, klopft mir sofort mit einem Besen aus Pfauenfeder auf die rechte dann auf die linke Schulter. Er schüttet mir mit einem kleinen Löffel heiliges Gangeswasser in die Hand, das ich mir in die Haare schmieren soll. Er hat mich völlig überrumpelt und so lass ich mir sogar noch ein schwarzes Bändchen ums Handgelenk binden, bevor auch er auf seine Kasse deutet. Ich versuche den 10 Rupien-Schein durch den Schlitz zu drücken, aber die Büchse ist voll, der Schein geht nur zum Teil rein. Ich lache ihn an, aber das interessiert ihn nicht. Der Polizist, der hinter mir auf einem Stein sitzt, grinst nur. Zwei Mal gesegnet innerhalb von 5 Minuten, da kann ja nichts mehr schiefgegehen. Stimmt aber nicht, denn abends merke ich, dass ein Schnupfen heranzieht. Ich muss mich irgendwo erkältet haben oder ich bin allergisch gegen Gangeswasser (wäre bei der Brühe nicht besonders absurd).

Spätestens als wir aus dem Auto aussteigen und zur Tempelzeremonie Ganga Aarti gehen, merken wir wie der Trubel zugenommen hat. Ach ja, dieses Ritual findet jeden Tag statt, egal wie das Wetter ist. Überall Leute, die Richtung Ghat strömen und dazwischen und rundherum der chaotische Verkehr des normalen Geschäftslebens in der Altstadt. Vor uns und hinter uns nur noch Menschen.

Am Dasaswamedh Ghat, dem Hauptghat um ca 18 Uhr angekommen, sitzen schon jede Menge Leute auf den Treppen und vorne auch auf Plastikstühlen. Auch eine Kuh möchte das Spektakel erleben.

Die Sonne ist bereits untergegangen. In der Abendstimmung sieht die Szenerie schon beeindruckend aus. Auf dem Fluss schwimmen einige der schon beschriebenen brennenden rituellen Feueropfer für die Göttin Ganga und vor dem Ghat drängen sich die Boote, besetzt mit Indern und europäischen Touristen. Unser Guide meint, dass es besser wäre zum benachbarten Ghat zu gehen, die Sicht wäre viel besser. Recht hat er, wir können sehr nahe ran, allerdings auf Kosten unseres Gehörs, denn die Gesänge kommen ohrenbetäubend aus schlechten Lautsprechern und wir stehen praktisch daneben. Karin stopft sich gleich Tempo’s ins Ohr, da sie diesen Krach kaum ertragen kann.

Der Beginn des Rituals zieht sich in die Länge. Erst werden ein paar Gläubige von den Pandits (der Begriff wird für religiöse Gelehrte oder auch Musiker der klassischen indischen Musik verwendet) am Ufer versorgt (diese Pandits sind alles junge Männer). Alle Aktivitäten auf den fünf – ich sag mal – “Bühnen” sind so arrangiert, dass man von allen Seiten schöne Fotos machen kann. Die Aktiven drehen sich dazu immer in alle Himmelsrichtungen – oder hab ich da was missverstanden und die Himmelsrichtungen sind wichtig für die Zeremonie. Leider versteht man ja nicht, was da gesungen wird und Erklärungen gibt es selbst im Internet nur beschränkt. Im Lauf der Zeit wird es auf dem Ganges richtig eng und ich glaube nicht, dass die Leute auf den Booten ohne Fernglas oder Teleobjektiv überhaupt etwas sehen können.

Endlich geht es los. Erst mal singen die Brahmanen ein Lied. Mir gefällt das Kobrasymbol gut, unterhalb befindet sich eine Schale mit Esbit, um später ein Feuerchen zu entfachen.

Einige Zeit später flöten die Jungs auf einer Konche (Meeresschneckenschale) und ziehen mit den Schnüren wie wild an den Glöckchen, natürlich alles verstärkt über die Lautsprecher.

Jetzt kommt Weihrauch, um etwas Nebel zu erzeugen …

Dann dürfen Gläubige die vielen Kerzen an einem Ständer anzünden, der Herr im hellen Hemd kontolliert, dass jeder auch gezahlt hat und dass alle Kerzen zur rechten Zeit brennen. Die Zeremonie hat ihren Zeitplan.

Rechtzeitig stehen alle Kerzenständer auf den Podesten und werden dann in alle Himmelsrichtungen geschwenkt.

Die Gläubigen am Ufer und auf den Booten beten …

Als Höhepunkt kommt dann die brennende Kobraschale ins Spiel. Dieser Moment, meint unser Guide, wäre der richtige Zeitpunkt, um das Schauspiel zu verlassen. Ein paar Minuten später würden nämlich alle Leute aufstehen und heimgehen wollen, das Chaos wäre dann immens. Wir haben ehrlich gesagt auch genug und düsen ab. Trotzdem dauert es mehr als eine Stunde, um zu unserem nur 6.5 km entfernten Hotel zu kommen.

Wir können schlecht beurteilen, ob es sich um eine religiöse Zeremonie handelt oder ob es sich um ein wohl inszeniertes Schauspiel handelt. Da die Leute beten, gehen wir mal davon aus, dass die Religion im Vordergrund steht.

 

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