Verzasca-Tal

Am 23. Juni 2018 geht die Fahrt in die Schweiz. Wir fahren mit dem Auto über Chur und Sankt Moritz an den Comer See und übernachten in Menaggio. Kaum angekommen nehmen wir die Fähre nach Bellaggio und essen dort zu Abend. Netter Ort mit vielen, leider sehr touristischen, Gässchen. Wir essen in einem dieser Gässchen, geniessen Bresaola – den luftgetrockneten Rinderschinken – mit Parmesan und Rucola, essen Pizza und Penne al arrabiata.

Leider stehen wir am falschen Pier an und mussten dann doch noch rennen, um die Fähre zurück zum Hotel rechtzeitig zu erreichen. Am Abend spielt Deutschland gegen Schweden bei der Weltmeisterschaft in Russland. Wir verpassen die erste Halbzeit, da die Fähre sehr langsam unterwegs ist. Im Hotel Bellavista steht ein grosser Fernseher, aber niemand außer uns interessiert sich für das Spiel. Es gibt nichts zu trinken, da das Restaurant wegen einer privaten Feier geschlossen ist. So muss ich tatsächlich ins benachbarte Restaurant gehen, um ein Bier zu kaufen. Ich war ziemlich sauer auf den Service im Hotel und das spiegelt sich in der Bewertung bei Booking.com auch wider. Deutschland gewinnt in der letzten Minute der Nachspielzeit durch einen Freistoß, eigentlich unverdient. Im Zimmer ist es dann heiss und stickig, die Klimaanlage macht nur Krach, kühlt jedoch gar nicht. Wir schlafen am offenen Fenster trotz des Krachs der Hauptstrasse. Das Frühstück auf der sehr schönen Terrasse am See ist leider nur “geht so”, kostet jedoch trotzdem 10 Euro pro Person. Wir sind froh am nächsten Morgen weiterzukommen. Die Fahrt geht am Luganer See entlang und kurz vor der Grenze zur Schweiz gehen wir in einen, am Sonntag geöffneten, Supermarkt, um noch Verpflegung einzukaufen. Auf der Fahrt hoch ins Tal beobachten wir die Bungeespringer an der Verzasca-Talsperre. Der James Bond Golden Eye Sprung geht 220 m in die Tiefe. Schon beim Zuschauen bekommen wir die Anspannung solch eines Sprungs mit. Wir sind uns einig, dass das nichts für uns ist.

Die nächsten 5 Tage werden wir in der gemieteten Ferienwohnung im Casa Rossa in Brione verbringen. Davide, der Vermieter empfängt uns sehr freundlich und wir sind überrascht, wie geschmackvoll das frisch renovierte ehemalige Rustiko eingerichtet ist. Da die Preise für ein Abendessen in der Schweiz auf ziemlich hohem Niveau sind, beschliessen wir das auszulassen und in der kleinen Küchenzeile selbst zu kochen. Das hat auch den Vorteil, dass wir die Fussballspiele nebenher beobachten können. In der Ferienwohnung steht nämlich ein schöner großer Fernseher und die Küche ist ausreichend ausgerüstet, um für 2 Personen zu kochen. Man kann in einem kleinen Laden in Brione einkaufen, keine Spezialitäten, aber es reicht um gut zu essen. Die Ferienwohnung ist neu renoviert, ein alter Granitfussboden, der originalgetreu wieder eingebaut wurde, sehr schönes Bad, Schlafzimmer mit gutem Bett, vor der Tür des Hauses ein schön angelegter Garten, ein Kräutergarten zum Bedienen, ein großer Grill und ein Jakuzzi (32 °C heiss), den wir fast jeden Abend benutzen. Einzige Wermutstropfen – es hat viele Stubenfliegen, die wir nach und nach killen müssen, um in Ruhe Abendessen zu können und die Wohnung liegt an der Durchgangsstrasse. Immer mal wieder müssen Testosteron-geschwängerte Motorradfahrer die Gerade vor dem Haus nutzen, um ihren Auspuff zu reinigen. Aber das kennen wir von zu Hause und regt uns nicht auf.

Wir haben unsere E-Bikes huckepack auf einem Anhängerkupplung-Fahrradträger mitgebracht und können so radelnd die nähere Umgebung erkunden. Achim ist zur Zeit nicht so gut zu Fuss, aber Fahrradfahren geht problemlos. Jeden Morgen fahren wir also los und verbringen die nächsten Stunden auf dem Rad und besichtigen die Natur entlang des Flusslaufs. Am Ende des Tals (ca. 10 km von Brione)  liegt Sonogno, ein idyllisches aber sehr touristisches Dorf. Wo dort führen geteerte Wege in 2 abzweigende Täler. Dank der E-Bikes haben wir genug Kraft um beide Täler bis zum Ende der jeweiligen Strasse zu folgen.

Wir sind begeistert von der Natur, kehren ein im Grotto Efra und lernen dort ein älteres Pärchen aus Zürich kennen, an dessen Tisch wir uns setzen müssen, da nichts anderes frei ist. Wir kommen schnell ins Gespräch, da wir auch Kaffee und Kuchen bestellen möchten. Die Frau aus Zürich fragt die Bedienung aus, was denn ein Brotkuchen sei (war der einzige Kuchen im Angebot). Wir beschliessen diesen eigentümlichen Kuchen zu testen und so kommt schnell ein Gespräch zustande. Der Kuchen – eine Tessiner Spezialität – schmeckt gut – müsst ihr einfach mal probieren, wenn ihr im Tessin seid. Da unzählige Stubenfliegen am Tisch mitnaschen wollen, erzählt Karin wie sie als Kind ihren Laubfrosch gefüttert hat. Mit der Hand Fliegen gefangen und dem Frosch ins Maul gestopft. Man konnte die Fliegen im Bauch des Froschs noch summen hören. Die Zürcherin ist fasziniert und lacht lauthals los. Irgendwie kommen wir auf die neuen Schweizer Geldscheine zu sprechen und stellen fest, dass wir noch nie einen 1000 Franken-Schein gesehen haben. Kaum ausgesprochen, zückt der Schweizer sein Portemonnaie und drückt Karin einen Tausender in die Hand, nur zum Anschauen natürlich. Als wir gehen, fragt er im Spass, ob wir ihm den Schein zurückgegeben haben. Falls nicht, sollen wir ihn für einen guten Zweck verwenden. Die Schweizer haben einen trockenen Humor, der uns irgendwie gefällt. Obwohl wir nur eine Stunde zusammen am Tisch sassen, wird uns diese Begegnung in Erinnerung bleiben.

Besonders gut gefällt uns das Osala-Tal, das direkt in Brione abzweigt. Es geht ca. 4 km gemächlich bergauf, danke der E-Bikes eine machbare Strecke, bis die geteerte Strasse in einen Schotterweg übergeht. Nach ca 3 km entdecken wir schöne Steinplatten direkt am Fluss und lassen uns dort für ein paar gemütliche Stunden zum Lesen und Baden nieder. Das Wasser ist ziemlich kalt, vielleicht 12 °C. Die Kälte ist besonders an den Füssen unangenehm und schmerzt richtiggehend. Aber es reicht, um sich für eine Minute hineinzustellen und kurz unterzutauchen, ein paar Schwimmzüge zu machen. Die Strömung ist so stark, dass man nur ins Kehrwasser kann. Schade, das smaragdgrüne Wasser hat Lust auf mehr gemacht. Auf dem Weg entdecken wir eine überfahrene Schlingnatter. Was für ein schlechtes Karma muss diese Schlange gehabt haben, dass sie auf diesem kaum befahrenen Weg von einem Fahrrad überfahren wurde.

Wir fahren talabwärts nach Lavertezzo, 4 km ziemlich steil hinunter. Achim kommen Zweifel, ob wir diesen Rückweg wirklich schaffen werden. In Lavertezzo gibt es eine alte Brücke über die Verzasca, die zu schön ausgewaschenen Felsen führt. Man kann auf ihnen herumklettern, sich auf die warmen Steine legen und sogar unter der Brücke tauchen. Ein mutiger Junge springt von der Brücke ins kalte Wasser – immerhin 14 m liegen zwischen Brücke und Wasser. Wir legen ein paar Stunden auf den Felsen, beobachten eine Schülergruppe beim Schulausflug und machen uns dann auf den Rückweg. Die 4 km bergauf sind ein Kinderspiel, oben wundern wir uns, dass wir völlig entspannt ankommen. Unser Vertrauen in die Möglichkeiten, die uns die E-Bikes erschliessen, steigt sichtlich.

Am letzten Tag wollen wir es dann wissen. Es gibt noch eine Strecke 4 km steil bergauf zum Monte Valdo, die wir noch nicht gefahren waren. In der Tat erwies sich diese Strecke als sehr steil. So steil, dass Achim mit der Nuvinci-Schaltung nicht mehr und Karin nur noch im Turbo-Modus weiterkam. Aber es gibt ja noch die Möglichkeit, verschiedene Gänge zu benutzen. Im ersten Gang konnte Achim dann wieder anfahren und die restlichen 500 m überwinden. Oben befand sich eine kleine Siedlung aus Rusticos, alles aus Granit, ein Rasen, der jedem Golfplatz eine Ehre gewesen wäre. Ein paar Kühe weiden und man hat einen tollen Blick auf die Berge ringsum. Der Akku war durch den Anstieg auf weniger als die Hälfte seiner Kapazität gesunken. Die Abfahrt mussten wir gemächlich angehen, um ein Versagen der Bremsen zu vermeiden. Wieder unten, fahren wir über eine Hängebrücke und haben noch genug Akkukapazität, um nochmals in eines der Täler von Sonogno zu fahren. Nach einer Brücke kommt ein Tor, nach diesem Tor fährt man auf eigene Gefahr, da es immer wieder zu Steinschlag kommt. Der Weg ist mit Rasensteinen belegt und man bekommt das Gefühl über ein Pflaster zu fahren. Ziemlich anstrengend und so brechen wir nach etwa einem Kilometer ab.

Jeden Tag buddelt Karin Bodendecker für unsere Steinmauer aus und bringt am Ende eine ansehnliche Sammlung mit nach Hause. Ganz zu schweigen von der Sammlung an schönen Steinen aus dem Flussbett, die wir auch nach Hause transportieren.

Die Ferienwohnung muss nicht geputzt werden, Schlüssel auf den Tisch legen und Abfahrt. Auf dem Rückweg besuchen wir Esther, eine Freundin, die wir in Thailand im Jahr 1990 kennengelernt haben. Sie hat eine neue Wohnung in Flühli bei Kerns, wir schwatzen, trinken Kaffee und geniessen ihre herrlich schmeckende Aprikosenweihe. In Kerns geht es noch zum Hofladen Burgholz, der Obwalder Spezialitäten anbietet, die wir besonders lecker finden.

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